Gewichtsfrage
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Folgeerkrankungen der Adipositas: was die Daten zeigen

Die deutsche S3-Leitlinie ordnet Typ-2-Diabetes, Schlafapnoe, Gonarthrose und Fettlebererkrankungen als mehr als dreifach erhöhtes Risiko ein. Die Internationale Krebsforschungsagentur nennt 13 Krebsarten, bei denen überschüssiges Körperfett das Risiko erhöht. Bei einem BMI von 40 bis 45 ist die mediane Überlebenszeit um acht bis zehn Jahre verkürzt.

S3-Leitlinie 050/001 · IARC 2016 · Lancet 2009 · Stand: 10/2026

Vier von zehn Kilogramm zu viel sind keine Kosmetik, sondern ein Rechenposten. Bei einem BMI zwischen 40 und 45 ist die mediane Überlebenszeit um acht bis zehn Jahre verkürzt — vergleichbar mit dem Effekt des Rauchens. Hinter dieser Zahl stehen die Folgeerkrankungen der Adipositas — und die unterscheiden sich stark in ihrem Gewicht.

Diese Zahl stammt aus einer Auswertung von 57 Studien mit 900.000 Erwachsenen. Sie ist kein Schicksalsspruch für den Einzelnen, aber sie ordnet ein, worüber gesprochen wird.

Folgeerkrankungen der Adipositas: was wie stark zusammenhängt

Wie stark das Risiko steigt — nach der deutschen S3-Leitliniemehr als 3-fachTyp-2-DiabetesSchlafapnoeGonarthroseFettlebererkrankung2- bis 3-fachBluthochdruckFettstoffwechselstörungKHK und SchlaganfallGicht, Reflux, Gallensteine1- bis 2-fachCoxarthrose, RückenschmerzUnfruchtbarkeit, PCOSHarnwegsinfekteKrebsS3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, Version 5.0, Oktober 2024, Tabelle 3.
Die S3-Leitlinie ordnet Begleiterkrankungen nach der Stärke des Zusammenhangs mit Adipositas.

Die Einteilung der Folgeerkrankungen der Adipositas stammt aus der deutschen S3-Leitlinie von Oktober 2024. Sie beschreibt Assoziationen, keine zwangsläufigen Verläufe: Ein Zusammenhang in Beobachtungsdaten ist kein Beweis für Ursache und Wirkung im Einzelfall.

Einige Größenordnungen aus derselben Leitlinie: Rund 80 Prozent der Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes haben Übergewicht oder Adipositas. Bei Kniegelenksarthrose liegt das Risiko bei einem BMI zwischen 25 und 29,9 um das 2,45-Fache höher, ab einem BMI von 30 um das 4,55-Fache. Für Brustkrebs nennt die Leitlinie ab einem BMI von 35 ein Hazard Ratio von 1,86.

Warum der Bauchumfang auch hier zählt

Die Risiken hängen nicht nur an der Gesamtmasse. In der deutschen EPIC-Potsdam-Studie hatten normalgewichtige Männer mit großem Bauchumfang ein 3,62-fach erhöhtes Diabetesrisiko — bei unauffälligem BMI. Mehr dazu im Beitrag über die Grenzen des BMI.

Krebs: welche Arten die IARC nennt

Die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO hat 2016 eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Evidenz neu bewertete. Ergebnis: Für 13 Krebsarten reicht die Evidenz aus, um festzustellen, dass das Fehlen von überschüssigem Körperfett das Risiko senkt.

Bereits 2002 identifiziert2016 neu hinzugekommen
Dickdarm und EnddarmMagen (Kardia)
Speiseröhre (Adenokarzinom)Leber
Niere (Nierenzellkarzinom)Gallenblase
Brust (nach den Wechseljahren)Bauchspeicheldrüse
GebärmutterschleimhautEierstock
Schilddrüse
Meningeom
Multiples Myelom
IARC-Arbeitsgruppe, Pressemitteilung Nr. 247 vom 25. August 2016; publiziert im New England Journal of Medicine.

Der World Cancer Research Fund kommt in seiner Bewertung von 2018 zu einer ähnlichen, aber nicht identischen Liste — er stuft einzelne Lokalisationen anders ein und nennt zusätzlich Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf und fortgeschrittenen Prostatakrebs als wahrscheinlich. Wer eine solche Liste zitiert, sollte deshalb dazusagen, von welchem Gremium sie stammt.

Sterblichkeit: die Zahlen und ihre Grenzen

Sterberisiko im Vergleich zum BMI-Bereich 22,5 bis 2522,5 – 25,01,00-fach25,0 – 27,51,07-fach27,5 – 30,01,20-fach30,0 – 35,01,45-fach35,0 – 40,01,94-fach40,0 – 60,02,76-fachGlobal BMI Mortality Collaboration, The Lancet 2016;388:776–786 — 239 Studien auf vier Kontinenten.Lebenserwartung: Prospective Studies Collaboration, Lancet 2009 — bei BMI 40 bis 45 acht bis zehn Jahre weniger.
Sterberisiko aus allen Ursachen, bezogen auf den Referenzbereich BMI 22,5 bis 25.

Die Global BMI Mortality Collaboration hat 239 prospektive Studien auf vier Kontinenten zusammengeführt. Der Anstieg verläuft nicht linear: Zwischen BMI 25 und 27,5 beträgt die Erhöhung sieben Prozent, ab 35 verdoppelt sich das Risiko nahezu, ab 40 liegt es fast beim Dreifachen.

Zur Lebenserwartung ist eine andere Auswertung die richtige Quelle. Die Prospective Studies Collaboration hat 2009 aus 57 Studien mit 900.000 Erwachsenen berechnet, dass bei einem BMI zwischen 30 und 35 die mediane Überlebenszeit um zwei bis vier Jahre und bei einem BMI zwischen 40 und 45 um acht bis zehn Jahre verkürzt ist. Als günstigster Bereich für die Sterblichkeit ergab sich ein BMI zwischen 22,5 und 25.

Was diese Zahlen nicht sind

Sie sind Durchschnittswerte aus großen Gruppen, überwiegend aus nicht-deutschen Populationen, und sie stammen aus Beobachtungsstudien. Sie sagen nichts über eine einzelne Person und nichts darüber, wie viel von dem Effekt durch eine Gewichtsabnahme umkehrbar ist. Diese Frage ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.

Was sich bei Gewichtsabnahme ändert

Für eine Größenordnung gibt es belastbare Daten aus der Adipositaschirurgie: Die deutsche Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt nennt eine um 49,2 Prozent verringerte Sterblichkeit über 30 Jahre und eine um 6,1 Jahre höhere Lebenserwartung nach einer Operation.

Für die konservative Therapie ist die Datenlage schwächer, weil die erreichten Gewichtsabnahmen deutlich geringer ausfallen. Die Fünf-Prozent-Schwelle, ab der sich Blutdruck, Blutzucker und Blutfette messbar bessern, ist hier der praktisch relevante Bezugspunkt — siehe Basistherapie bei Adipositas.

Ob Adipositas dabei als Krankheit im Sinne der Krankenkasse gilt, ist eine rechtliche und keine medizinische Frage; sie steht unter Adipositas als Krankheit.

Für eine dieser Folgeerkrankungen ist inzwischen auch gemessen, was eine Behandlung daran ändert: der Herz-Kreislauf-Nutzen der Abnehmspritze.

Häufige Fragen

Heißt ein erhöhtes Risiko, dass ich krank werde?

Nein. Ein relatives Risiko beschreibt, wie sich die Häufigkeit in einer Gruppe verändert. Ob und wann eine einzelne Person erkrankt, hängt von vielen weiteren Faktoren ab — Alter, Genetik, Begleiterkrankungen, Lebensumstände.

Warum steht Krebs nur in der niedrigsten Risikostufe?

Weil die Leitlinie „Krebs“ als Sammelposition führt. Für einzelne Lokalisationen liegen die Werte deutlich höher — die Leitlinie nennt für Brustkrebs ab BMI 35 ein Hazard Ratio von 1,86.

Ist ein BMI knapp über 25 schon ein Problem?

Im Bereich 25 bis 27,5 liegt die Erhöhung der Sterblichkeit bei sieben Prozent — statistisch nachweisbar, individuell klein. Wichtiger ist in diesem Bereich die Fettverteilung.

Gelten die Zahlen auch für Deutschland?

Die großen Sterblichkeitsauswertungen sind international. Die Risikotabelle der Begleiterkrankungen und die Diabetesdaten aus EPIC-Potsdam beziehen sich dagegen auf deutsche beziehungsweise europäische Kollektive.

Quellen

  1. S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“, Version 5.0, Oktober 2024, Tabelle 3 (PDF)
  2. IARC, Pressemitteilung Nr. 247: Body Fatness and Cancer (25.08.2016, PDF)
  3. Global BMI Mortality Collaboration: Body-mass index and all-cause mortality. The Lancet 2016;388:776–786
  4. Prospective Studies Collaboration: Body-mass index and cause-specific mortality in 900 000 adults. The Lancet 2009;373:1083–1096
  5. World Cancer Research Fund: Body fatness and weight gain and the risk of cancer, 2018 (PDF)
  6. Fink J et al.: Adipositaschirurgie. Dtsch Arztebl Int 2022;119:70–78

Dieser Beitrag beschreibt statistische Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien. Er trifft keine Aussage über einzelne Personen und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Gewichtsfrage verkauft keine Arzneimittel und vermittelt keine Rezepte.