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Ipamorelin und CJC-1295: was belegt ist und was nicht

Ipamorelin und CJC-1295 heben Wachstumshormon und IGF-1 beim Menschen nachweislich an, doch für keine der beiden Substanzen existiert eine kontrollierte Studie, die daraus einen klinischen Nutzen belegt. Keine ist in der EU oder den USA zugelassen; die FDA lehnte 2024 alle geprüften Formen für die Rezepturherstellung ab. Beide stehen in der WADA-Verbotsliste 2026 unter S2 und sind jederzeit verboten.

FDA PCAC 2024 · Frontiers in Endocrinology 2026 · WADA Prohibited List 2026 · Stand: 10/2026

Für Ipamorelin und CJC-1295 gilt derselbe Befund: Beide heben Wachstumshormon und IGF-1 im Blut messbar an — und für keine der beiden Substanzen existiert eine einzige kontrollierte Studie, die daraus einen klinischen Nutzen belegt. Die zwei einzigen randomisierten Studien mit klinischem Endpunkt in der gesamten Geschichte beider Substanzen endeten so: eine ohne Wirksamkeit, die andere nach dem Tod eines Teilnehmers.

Das ist kein rhetorischer Einstieg, sondern die Zusammenfassung dessen, was in Studienregistern, Fachzeitschriften und Behördenunterlagen tatsächlich dokumentiert ist. Alles andere — Muskelaufbau, Fettabbau, Regeneration, besserer Schlaf — steht ausschließlich auf Verkaufsseiten.

Dieser Text ordnet ein, was belegt ist, woher die Zahlen stammen und an welchen Stellen die gängige Darstellung schlicht veraltet ist. Er nennt keine Dosierungen und keine Bezugsquellen.

Was die beiden Substanzen sind

Ipamorelin ist ein Pentapeptid und ein selektiver Agonist am Ghrelin- beziehungsweise Wachstumshormon-Sekretagog-Rezeptor GHS-R1a. Entwickelt wurde es bei Novo Nordisk unter dem Code NNC 26-0161; die Rechte gingen später an Sapphire Therapeutics und 2009 an Helsinn. Die Halbwertszeit beim Menschen liegt bei etwa zwei Stunden.

CJC-1295 ist kein Rezeptoragonist am selben Punkt, sondern ein Analogon des Wachstumshormon-Releasing-Hormons GHRH. Entwickelt wurde es bei ConjuChem Biotechnologies in Kanada. Und hier beginnt das Problem, an dem die meisten Darstellungen scheitern.

CJC-1295 mit und ohne DAC: zwei verschiedene Moleküle

Unter dem Namen CJC-1295 werden zwei Substanzen gehandelt, die sich pharmakokinetisch um Größenordnungen unterscheiden. DAC steht für drug affinity complex — eine reaktive Gruppe, die sich kovalent an Serumalbumin bindet und das Peptid dadurch von Minuten auf Tage im Blut hält.

CJC-1295 mit DACCJC-1295 ohne DAC
Andere NamenCJC-1295 DAC, DAC:GRFModified GRF (1-29), Mod GRF
CAS-Nummer446262-90-4863288-34-0
Halbwertszeit beim Menschen5,8 bis 8,1 Tagekeine Daten
Studien am Menschendrei, alle Phase I an Gesundenkeine einzige begutachtete

Die gesamte menschliche Pharmakologie, die für CJC-1295 angeführt wird, stammt aus Studien mit der DAC-Variante. Was in Kombinationen mit Ipamorelin gehandelt wird, ist überwiegend die Variante ohne DAC — für die kein einziges begutachtetes Humandatum existiert.

Dass die Verwechslung real ist und nicht nur in Foren vorkommt, lässt sich an zwei Stellen zeigen. Die FDA stellte im November 2024 fest, dass fünf nominierte CJC-1295-Substanzen unter neun verschiedenen Namen geführt wurden, und bewertete das ausdrücklich als Risiko, dass ein Patient eine andere Substanz erhält als verordnet. Und eine australische Verordnung aus Tasmanien von 2015 führt „CJC-1295″ mit der CAS-Nummer der Variante ohne DAC — unter dem Namen, der für die Variante mit DAC steht.

Was am Menschen tatsächlich gemessen wurde

Für Ipamorelin gibt es eine veröffentlichte Phase-I-Studie: Gobburu und Kollegen beschrieben 1999 an gesunden Männern einen einzelnen Wachstumshormon-Ausstoß mit einem Maximum nach gut 40 Minuten, danach ein exponentieller Abfall auf vernachlässigbare Werte — bei allen geprüften Dosisstufen. Terminale Halbwertszeit zwei Stunden. Wirksamkeitsdaten enthält die Arbeit nicht; die FDA stellt das in ihrer Bewertung ausdrücklich fest.

Für CJC-1295 mit DAC gibt es drei Arbeiten an Gesunden. Teichman und Kollegen zeigten 2006 nach einer Einzeldosis einen Anstieg des mittleren Wachstumshormons um das Zwei- bis Zehnfache über mindestens sechs Tage und einen IGF-1-Anstieg um das Eineinhalb- bis Dreifache über neun bis elf Tage; nach Mehrfachgabe blieb IGF-1 bis zu 28 Tage erhöht. Ionescu und Frohman zeigten im selben Jahr, dass die Pulsatilität der Ausschüttung dabei erhalten bleibt: eine Woche nach einer einzigen Injektion lag der Basalwert etwa siebeneinhalbfach höher, das mittlere Wachstumshormon um 46 Prozent, IGF-1 um 45 Prozent.

Das ist, vollständig, die menschliche Evidenz. Beide Substanzen tun, was sie laut Mechanismus tun sollen. Was daraus folgt, ist eine andere Frage.

BEGUTACHTETE STUDIEN AM MENSCHENIpamorelin1Phase I, keine WirksamkeitsdatenCJC-1295 mit DAC3Phase I an Gesunden, keine WirksamkeitsdatenCJC-1295 ohne DAC0die meistgehandelte Variante
Stand der publizierten Humanforschung. Keine der Arbeiten prüfte Muskelmasse, Körperzusammensetzung oder Leistungsfähigkeit.

Wo die klinischen Studien endeten

Ipamorelin wurde nicht für Muskelaufbau entwickelt, sondern gegen den postoperativen Darmverschluss. Beck und Kollegen veröffentlichten 2014 die Phase-2-Studie: multizentrisch, doppelblind, placebokontrolliert, 114 randomisierte Erwachsene nach Darmresektion, Gabe intravenös im Krankenhaus. Primärer Endpunkt war die Zeit bis zur ersten vertragenen festen Mahlzeit — 25,3 gegenüber 32,6 Stunden, p = 0,15. Nicht signifikant. Die Autoren fanden auch in den sekundären Wirksamkeitsmaßen keine relevanten Unterschiede.

Eine anschließende Phase-IIb-Studie wurde 2011 begonnen und ist im Register als abgeschlossen vermerkt. Ergebnisse wurden nie veröffentlicht. Die FDA zitierte 2024 als einzige Humandaten zu Ipamorelin weiterhin nur die Arbeiten von 1999 und 2014 — die Entwicklung wurde eingestellt.

Für CJC-1295 mit DAC gab es eine Phase-II-Studie bei HIV-assoziierter viszeraler Lipodystrophie. Sie betrifft Deutschland direkt: Im europäischen Studienregister ist sie unter der Nummer 2005-003797-25 geführt, Sponsor ConjuChem, die Genehmigung der zuständigen Behörde datiert auf den 9. Dezember 2005, geplant waren 30 Patienten in Deutschland. Der Registerstatus lautet „Prematurely Ended“.

Abgebrochen wurde sie am 17. Juli 2006, nachdem ein Teilnehmer gestorben war. Die FDA nennt diesen Todesfall in einem Dokument vom 15. November 2024 als Grund dafür, dass ConjuChem die Substanz aus der klinischen Entwicklung zurückzog. Ein kausaler Zusammenhang mit der Substanz wurde nie öffentlich festgestellt: Zum Zeitpunkt des Abbruchs war die Todesursache noch in Klärung, und nach der Mitteilung des Unternehmens hielt der behandelnde Arzt eine Plaqueruptur bei bis dahin unbemerkter koronarer Herzkrankheit für die wahrscheinlichste Ursache. Eine unabhängige, veröffentlichte Kausalitätsbewertung gibt es bis heute nicht.

Beides gehört zusammen: Der Todesfall ist kein Forengerücht — er steht in einem Dokument der US-Arzneimittelbehörde. Und er ist kein Beleg dafür, dass die Substanz ihn verursacht hat. Wer nur eine der beiden Hälften wiedergibt, verzerrt die Sache in die eine oder die andere Richtung.

Welche Wirkung wofür belegt ist

Behauptete WirkungIpamorelinCJC-1295
Anstieg von Wachstumshormon und IGF-1belegt (Phase I)belegt für die DAC-Variante; keine Daten ohne DAC
Muskelaufbaukeine Studiekeine Studie
Fettabbaukeine Studiekeine Studie (Phase II abgebrochen)
Regenerationkeine Studiekeine Studie
Schlafqualitätkeine Studiekeine Studie
Rückkehr der Darmfunktioneine Studie, nicht signifikant—

Eine Übersichtsarbeit in Frontiers in Endocrinology von 2026 stuft beide Substanzen in dieselbe Evidenzkategorie ein: Phase-I-Daten am Menschen, keine kontrollierten Wirksamkeitsdaten, keine Langzeitsicherheitsdaten. Die DAC-freie Variante landet in der untersten Kategorie — keine begutachteten Humanstudien überhaupt. Zur Kombination beider Substanzen schreiben die Autoren, sie sei weitgehend anekdotisch, ohne kontrollierten Beleg für Synergie oder einen Effekt auf die Körperzusammensetzung bei Gesunden.

Warum schon Wachstumshormon selbst nicht leistet, was erwartet wird

Das Argument gegen den erhofften Effekt ist stärker als „es wurde nicht untersucht“. Es gibt nämlich Daten zum stärkeren Reiz: zum Hormon selbst, direkt gespritzt.

Holt und Ho fassten 2019 in den Endocrine Reviews drei doppelblinde, placebokontrollierte Studien mit insgesamt 83 gesunden jungen Erwachsenen zusammen, die über sechs bis zwölf Wochen Wachstumshormon erhielten: kein signifikanter Effekt auf die Muskelkraft. Verbessert wurde selektiv die anaerobe Sprintfähigkeit bei Freizeitsportlern — nicht Kraft, nicht Leistung, nicht die maximale Sauerstoffaufnahme.

Der oft zitierte Zuwachs an „fettfreier Masse“ ist dabei zu einem großen Teil Wasser: In einer achtwöchigen Studie stieg die fettfreie Masse um 2,70 Kilogramm, davon rund 70 Prozent extrazelluläre Flüssigkeit. Wachstumshormon hält Natrium und Wasser zurück — und genau das zeigt die Waage.

Der nächstliegende Langzeitvergleich für Ipamorelin ist Ibutamoren, ein Agonist am selben Rezeptor: Bei älteren Erwachsenen über zwei Jahre stiegen IGF-1 und fettfreie Masse — die Muskelkraft nicht.

Wenn das Hormon selbst, in suprafysiologischer Dosis direkt zugeführt, bei Gesunden keine Kraft aufbaut, fehlt einer Substanz, die lediglich dessen Ausschüttung anstößt, der Mechanismus, über den sie es tun könnte.

Was die FDA 2024 entschieden hat — und warum die übliche Darstellung veraltet ist

Dieser Punkt wird selbst in begutachteten Übersichtsarbeiten von 2026 noch falsch wiedergegeben. Die Chronologie ist:

  1. September 2023 — Ipamorelinacetat und CJC-1295 werden in Kategorie 2 der vorläufigen 503A-Liste aufgenommen: Stoffe, die erhebliche Sicherheitsrisiken aufwerfen.
  2. September 2024 — beide werden aus Kategorie 2 gestrichen, weil die Nominierungen zurückgezogen wurden. Wirksam ab dem 27. September 2024.
  3. 29. Oktober 2024 — nach neuer Nominierung empfiehlt die FDA, Ipamorelin nicht aufzunehmen. Der beratende Ausschuss PCAC stimmt für beide geprüften Formen mit 0 zu 12 bei einer Enthaltung dagegen.
  4. 4. Dezember 2024 — dasselbe für CJC-1295: fünf geprüfte Formen, alle fünf abgelehnt, zweimal einstimmig.
  5. Stand der FDA-Liste vom 14. Mai 2026 — weder Ipamorelin noch CJC-1295 stehen in Kategorie 1, 2 oder 3.

Die Formulierung „CJC-1295 steht auf der FDA-Liste Kategorie 2″ beschreibt also einen Zustand, der zwölf Monate bestand und seit September 2024 vorbei ist. Richtig ist: Beide Substanzen wurden geprüft und für die Rezepturherstellung abgelehnt.

Aus der Begründung der Ausschussmitglieder stammt ein Satz, der über diese beiden Substanzen hinausweist: Dass ein Mittel breit verordnet werde, heiße nicht, dass es sicher und wirksam sei. Zum Vergleich: Ibutamoren, ein Agonist am selben Rezeptor wie Ipamorelin, wurde in derselben Sitzung mit 1 zu 13 abgelehnt — genannt wurden Flüssigkeitsretention, dekompensierte Herzinsuffizienz und Hyperglykämie.

2026 hat derselbe Ausschuss für vier andere Peptide — BPC-157, KPV, TB-500 und MOTS-c — knappe Empfehlungen zugunsten der Rezepturherstellung ausgesprochen, gegen die Linie der eigenen FDA-Wissenschaftler. Ipamorelin und CJC-1295 sind darunter nicht. Mehr dazu unter BPC-157 und die Studienlage.

Zulassungsstatus in Deutschland und der EU

Weder Ipamorelin noch CJC-1295 ist in der EU als Arzneimittel zugelassen. Es gibt für beide keinen Zulassungsbericht der EMA und keinen ATC-Code. In den USA ist ebenfalls keine Form zugelassen; die FDA stellt für Ipamorelin zusätzlich fest, dass keine Arzneibuchmonografie existiert.

Zwei Substanzen derselben Klasse zeigen, wo die Latte hängt. Macimorelin, ein Sekretagog am selben Rezeptortyp wie Ipamorelin, ist seit Januar 2019 in der EU zugelassen — ausschließlich zur Diagnostik eines Wachstumshormonmangels bei Erwachsenen, also als Reagenz für einen einmaligen Test, nicht als Therapie. Tesamorelin, ein zugelassenes GHRH-Analogon in den USA, scheiterte in Europa: Der Antrag wurde 2012 zurückgezogen, nachdem der Ausschuss für Humanarzneimittel unter anderem den IGF-1-Anstieg bei vielen Patienten als erhebliches Bedenken eingestuft und fehlende Langzeitsicherheitsdaten bemängelt hatte.

In der deutschen Fachpresse kommen beide Substanzen praktisch nicht vor. Die einzige Fundstelle, die sie namentlich nennt, ist ein Beitrag der Pharmazeutischen Zeitung vom Januar 2026 über den Peptid-Trend in amerikanischen Technologiekreisen — dort im Zusammenhang mit dem WADA-Verbot und gemeldeten Nebenwirkungen in den USA. Zum deutschen oder europäischen Status sagt auch dieser Beitrag nichts, weil es dazu nichts zu sagen gibt.

Dopingrecht: S2, verboten zu jeder Zeit

Beide Substanzen stehen auf der WADA-Verbotsliste 2026, gültig seit dem 1. Januar 2026, in Klasse S2 — Peptidhormone, Wachstumsfaktoren, verwandte Substanzen und Mimetika. Sie sind damit jederzeit verboten, im Wettkampf wie außerhalb, und zwar als „non-specified“-Substanzen, also ohne das mildere Sanktionsregime.

Beide sind in Unterabschnitt S2.2.4 namentlich aufgeführt: CJC-1295 bei den GHRH-Analoga, Ipamorelin bei den Sekretagogen und Mimetika. Die Klasse enthält zudem eine offene Klausel für Substanzen mit ähnlicher chemischer Struktur oder ähnlicher biologischer Wirkung — die Unterscheidung zwischen DAC und DAC-frei spielt dopingrechtlich also keine Rolle, beide sind erfasst. Die NADA hat die Liste im Dezember 2025 ins Deutsche übersetzt; das WADA-akkreditierte Labor der Deutschen Sporthochschule Köln führt beide Namen ebenfalls.

Dass das keine theoretische Frage ist, zeigt eine Zahl aus derselben Übersichtsarbeit: In den Jahren 2016 und 2017 wurden in WADA-akkreditierten Laboren GHRP 23-mal nachgewiesen — häufiger als Wachstumshormon selbst.

Welche Risiken sich belegen lassen

Hier ist Sorgfalt nötig, weil fast alle konkreten Zahlen aus der Nachbarschaft stammen — von Tesamorelin, von Ibutamoren, vom Wachstumshormon selbst, von der Akromegalie. Für Ipamorelin und CJC-1295 selbst gibt es kaum Sicherheitsdaten. Das ist kein Entlastungsargument, sondern der eigentliche Befund.

Blutzucker. Wachstumshormon ist diabetogen; bei chronischem Überschuss entwickelt etwa ein Viertel der Betroffenen einen Diabetes. In der 26-wöchigen placebokontrollierten Phase der Zulassungsstudie zu Tesamorelin erreichten 5 Prozent der Behandelten einen HbA1c von 6,5 Prozent oder darüber, gegenüber 1 Prozent unter Placebo. Die Fachinformation verlangt deshalb eine Blutzuckerbeurteilung vor Therapiebeginn und regelmäßige Kontrollen.

Wasser im Gewebe und Gelenkschmerzen. Dieselbe Fachinformation nennt periphere Ödeme bei 6 Prozent gegenüber 2 Prozent unter Placebo und Gelenkschmerzen bei 13 gegenüber 11 Prozent; Flüssigkeitsretention kann sich auch als Karpaltunnelsyndrom äußern.

IGF-1 und Krebsrisiko. Hier wird in beide Richtungen übertrieben, deshalb genau: Für Ipamorelin und CJC-1295 ist kein krebserzeugendes Signal etabliert. Belegen lässt sich dreierlei. Erstens stufte der europäische Ausschuss für Humanarzneimittel den IGF-1-Anstieg unter Tesamorelin als erhebliches Bedenken ein, unter anderem wegen möglicher Krebsbezüge. Zweitens behandelt die Fachinformation desselben zugelassenen Präparats das als reales Risiko: nicht anwenden bei aktiver Krebserkrankung, Therapie bei Hinweisen auf ein Rezidiv beenden, IGF-1 überwachen. Drittens die Epidemiologie: In der UK Biobank wurden 394.388 Teilnehmer über knapp sieben Jahre beobachtet, 23.412 Krebserkrankungen traten auf; je 5 nmol/l höherem IGF-1 stieg das Risiko für Schilddrüsen-, Darm-, Brust- und Prostatakrebs um 8 bis 18 Prozent.

Entscheidend ist die Einordnung dieser Zahl: Sie beschreibt physiologische Schwankungen bei Menschen, die nichts eingenommen haben. Sie ist kein Beleg dafür, dass pharmakologisch angehobenes IGF-1 Krebs auslöst — und sie ist auch kein Grund, die Frage abzutun. Die Autoren selbst schließen eine umgekehrte Kausalität nicht aus.

Was schlicht fehlt. Die FDA stellte 2024 für Ipamorelin fest: keine Studien zur akuten Toxizität, keine zur Toxizität bei wiederholter Gabe, keine zur Genotoxizität, keine zur Karzinogenität. In der amerikanischen Nebenwirkungsdatenbank finden sich zwei Meldungen, beide nicht schwerwiegend — kein Sicherheitsnachweis, sondern ein Hinweis darauf, dass diese Substanzen außerhalb des formalen Meldesystems zirkulieren.

Das praktisch größte Risiko ist das Produkt selbst

Die FDA begründete ihre Ablehnung in beiden Verfahren zu einem großen Teil mit der Qualität der Ausgangsstoffe. Die eingereichten Analysenzertifikate deckten Identität und Gehalt ab, aber keine Verunreinigungen, keine Aggregate, keine Endotoxine. Eine Immunogenität durch Aggregate und Peptidverunreinigungen lasse sich nicht ausschließen, gerade bei subkutaner Gabe. Für eine der CJC-1295-Formen kommt hinzu, dass das Trifluoracetat-Salz als toxisch bekannt ist und die Immunogenität von Peptiden verstärken kann. Für zwei weitere Formen ließ sich überhaupt kein Lieferant identifizieren.

Eine Übersicht in Missouri Medicine von 2026 beschreibt, was Analysen von Direktverkaufsprodukten ergeben: erhebliche Abweichungen von der angegebenen Dosis, verkürzte Peptide als Verunreinigung, Rückstände von Schwermetallen und organischen Lösungsmitteln. Da es sich um Lyophilisate handelt, die der Anwender selbst auflöst, bezeichnen die Autoren das Risiko für bakterielle Endotoxine und Infektionen der Injektionsstelle als erheblich erhöht.

Für den deutschen Markt gibt es dazu eine ältere, aber einschlägige Zahl aus dem Deutschen Ärzteblatt: In einer Analyse stimmten rund 40 Prozent der untersuchten Steroidprodukte nicht mit ihrem Etikett überein; manche als muskelaufbauend verkauften Produkte enthielten Insulin statt des angegebenen Wirkstoffs. Was als „nur zu Forschungszwecken“ deklariert wird, unterliegt keiner Arzneimittelkontrolle — zu diesem Etikett steht mehr unter „Nur zu Forschungszwecken“: was dieser Hinweis bedeutet.

Dosierung und Sicherheit

Aus der vorhandenen Evidenz lässt sich kein sicheres Anwendungsschema ableiten, und dieser Text nennt deshalb keines. Der Grund ist nicht Vorsicht, sondern Datenlage: Die einzige kontrollierte Studie am Menschen mit klinischem Endpunkt gab Ipamorelin intravenös im Krankenhaus — die FDA stellt ausdrücklich fest, dass keine klinische Studie den subkutanen Weg geprüft hat, also genau den Weg, auf dem die Substanz außerhalb von Studien angewendet wird.

Für CJC-1295 ohne DAC, die am häufigsten gehandelte Variante, existiert überhaupt keine Humanstudie, aus der sich irgendetwas ableiten ließe. Angaben aus Foren und von Händlern sind keine tragfähige Grundlage: Sie stammen nicht aus kontrollierten Beobachtungen, sie sind nicht auf Produktqualität bezogen, und sie enthalten keine Sicherheitsüberwachung.

Wie derselbe Ausschuss 2026 über sieben andere Peptide entschieden hat — und warum die eigenen Fachleute der Behörde in allen Fällen abgeraten hatten — steht unter FDA und Peptide: was der Beratungsausschuss 2026 entschieden hat.

Häufige Fragen zu Ipamorelin und CJC-1295

Ist Ipamorelin in Deutschland zugelassen?

Nein. Es gibt keine Zulassung in der EU, keinen EMA-Bericht und keinen ATC-Code. Auch in den USA ist keine Form zugelassen. Die Entwicklung wurde nach der Phase-2-Studie zum postoperativen Darmverschluss eingestellt.

Was ist der Unterschied zwischen CJC-1295 mit und ohne DAC?

DAC ist eine Gruppe, die sich an Serumalbumin bindet und die Halbwertszeit von Minuten auf 5,8 bis 8,1 Tage verlängert. Die gesamte menschliche Pharmakologie stammt aus Studien mit der DAC-Variante; für die Variante ohne DAC gibt es keine einzige begutachtete Humanstudie. Gehandelt wird überwiegend letztere.

Baut die Kombination aus Ipamorelin und CJC-1295 Muskeln auf?

Dafür existiert keine Studie. Die Übersichtsarbeit in Frontiers in Endocrinology von 2026 bezeichnet die Kombination als weitgehend anekdotisch, ohne kontrollierten Beleg für Synergie oder einen Effekt auf die Körperzusammensetzung bei Gesunden.

Stimmt es, dass in einer CJC-1295-Studie ein Teilnehmer gestorben ist?

Ja, die Phase-2-Studie bei HIV-assoziierter Lipodystrophie wurde am 17. Juli 2006 nach dem Tod eines Teilnehmers abgebrochen; die FDA nennt das 2024 als Grund für den Rückzug der Substanz. Ein ursächlicher Zusammenhang mit der Substanz wurde nie öffentlich festgestellt.

Sind Ipamorelin und CJC-1295 auf der Dopingliste?

Ja, beide sind in der WADA-Verbotsliste 2026 unter S2.2.4 namentlich genannt und jederzeit verboten — im Wettkampf und außerhalb. Eine offene Klausel erfasst auch strukturell oder biologisch ähnliche Substanzen, also beide CJC-1295-Varianten.

Steht CJC-1295 auf der FDA-Liste Kategorie 2?

Nicht mehr. Beide Substanzen standen dort von September 2023 bis September 2024. Seither sind sie auf keiner Kategorie der 503A-Liste; der beratende Ausschuss der FDA lehnte im Oktober und Dezember 2024 alle geprüften Formen ab.

Verbessert Ipamorelin den Schlaf?

Eine Suche in der medizinischen Literatur nach kontrollierten Studien zu Ipamorelin und Schlaf liefert keine einzige Arbeit — nur Seiten von Kliniken, Händlern und Blogs. Für diese Behauptung gibt es in der begutachteten Literatur keine Grundlage.

Quellen

  • Gobburu JV et al., Pharmacokinetic-pharmacodynamic modeling of ipamorelin, a growth hormone releasing peptide, in human volunteers, Pharm Res 1999;16(9):1412-1416
  • Beck DE, Sweeney WB, McCarter MD, Prospective, randomized, controlled, proof-of-concept study of the ghrelin mimetic ipamorelin for the management of postoperative ileus in bowel resection patients, Int J Colorectal Dis 2014;29(12):1527-1534
  • Teichman SL et al., Prolonged stimulation of growth hormone and insulin-like growth factor I secretion by CJC-1295, J Clin Endocrinol Metab 2006;91(3):799-805
  • Ionescu M, Frohman LA, Pulsatile secretion of growth hormone persists during continuous stimulation by CJC-1295, J Clin Endocrinol Metab 2006;91(12):4792-4797
  • FDA, Briefing Document für das Pharmacy Compounding Advisory Committee zu Ipamorelin, 19.08.2024, sowie Abstimmungsprotokoll der Sitzung vom 29.10.2024
  • FDA, Memorandum zu fünf CJC-1295-Substanzen, 15.11.2024, sowie Abstimmungsprotokoll der Sitzung vom 04.12.2024
  • FDA, Bulk Drug Substances Nominated for Use in Compounding Under Section 503A, Stand 14.05.2026
  • EU Clinical Trials Register, EudraCT 2005-003797-25 (ConjuChem, HIV-assoziierte viszerale Adipositas, Status „Prematurely Ended“)
  • Holt RIG, Ho KKY, The use and abuse of growth hormone in sports, Endocrine Reviews 2019;40(4):1163-1185
  • Dominikowski A et al., The emerging landscape of performance-enhancing peptides modulating the GH-IGF1 axis, Frontiers in Endocrinology 2026;17:1822475
  • Knuppel A et al., Circulating insulin-like growth factor-I concentrations and risk of 30 cancers: prospective analyses in UK Biobank, Cancer Research 2020;80:4014-4021
  • Moiz A, O’Keefe EL, O’Keefe JH, Dangers of injectable peptides and other unregulated biohacking drugs, Missouri Medicine 2026;123(4):337-343
  • Fachinformation EGRIFTA WR (Tesamorelin), Revision 03/2025
  • EMA, Ghryvelin (Macimorelin), Zulassung 11.01.2019 — Anwendung ausschließlich zur Diagnostik; EMA, Egrifta, Rücknahme des Zulassungsantrags 2012
  • WADA Prohibited List 2026, Klasse S2.2.4; deutsche Übersetzung der NADA, 11.12.2025
  • Dingermann T, Riskante Selbstoptimierung – Peptid-Hype in Tech-Kreisen, Pharmazeutische Zeitung, 21.01.2026
  • Siegmund-Schultze N, Leistungsbeeinflussende Substanzen im Breiten- und Freizeitsport, Deutsches Ärzteblatt 29-30/2013