Gewichtsfrage
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Blut spenden mit der Abnehmspritze: was gilt

Ein generelles Spendeverbot wegen einer Behandlung mit Semaglutid, Tirzepatid oder Liraglutid gibt es weder in Deutschland noch in Österreich. Die Richtlinie Hämotherapie nennt keinen einzelnen Wirkstoff; über die Spendetauglichkeit entscheidet der Arzt vor Ort. Der DRK-Blutspendedienst West nennt die Präparate ausdrücklich und hält eine Spende für möglich, wenn die Einstellungsphase und die Phase ausgeprägter Gewichtsabnahme abgeschlossen sind. Eine Aussage von Paul-Ehrlich-Institut oder BASG zu einem Risiko für Empfänger von Blut- oder Plasmaprodukten haben wir nicht gefunden.

Richtlinie Hämotherapie 2023 · Blutspenderverordnung · DRK-Blutspendedienst West, 08/2026 · Stand: 09/2026

Die Frage wird fast immer falsch herum gestellt. Wer eine Abnehmspritze anwendet und zur Blutspende will, sorgt sich meist darum, ob der Wirkstoff im gespendeten Blut jemandem schaden könnte. Die Regelwerke interessiert etwas anderes.

Zwei Fragen, die getrennt gehören

Die erste: Ist Blut, in dem Spuren von Semaglutid oder Tirzepatid stecken, ein Problem für die Person, die es bekommt? Dazu haben wir gesucht — beim Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für Blutprodukte zuständig ist, beim österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, bei den transfusionsmedizinischen Fachgesellschaften und bei den großen Plasmaunternehmen. Wir haben dazu keine veröffentlichte Stellungnahme gefunden. Weder eine Warnung noch eine Entwarnung. Was sich über den Nachweis dieser Wirkstoffe im Blut überhaupt sagen lässt, steht im Beitrag Ist Wegovy im Blut nachweisbar?.

Die zweite: Ist die Spende ein Problem für Sie? Darauf geben die Dokumente sehr wohl Antworten — und die haben nichts mit dem Wirkstoff als solchem zu tun, sondern mit dem, was eine Gewichtsbehandlung im Körper verändert.

Warum wir das so stehen lassen

Dass wir zur ersten Frage nichts gefunden haben, heißt nicht, dass es unbedenklich ist — und auch nicht, dass es bedenklich ist. Es heißt, dass keine zuständige Stelle sich öffentlich geäußert hat. Wir tragen an dieser Stelle keine Einschätzung nach, die uns kein Dokument liefert. Die belastbare Aussage lautet: Die geltenden Regeln begründen die Zurückhaltung mit dem Schutz der spendenden Person.

Was in den Regelwerken steht

Medikamente als Kriterium für die SpendetauglichkeitDeutschlandRichtlinie Hämotherapie, 2023Keine Liste einzelnerWirkstoffe.Rückstellung richtet sichnach Pharmakokinetik undIndikation des Medikaments.Die Entscheidung trifft derArzt vor Ort.ÖsterreichBlutspenderverordnung, § 5Verordnung nennt dieständige Einnahme vonMedikamenten als Kriteriumund verweist auf eineösterreichweit einheitlicheMedikamentenliste.Diese Liste führt eineKategorie Diabetes/Adipositas.
Deutschland und Österreich regeln Medikamente bei der Blutspende unterschiedlich strukturiert.

Maßgeblich ist in Deutschland die Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten — kurz Richtlinie Hämotherapie — in der Gesamtnovelle 2023. Der Vorstand der Bundesärztekammer hat sie am 29. Juni 2023 beschlossen, das Einvernehmen des Paul-Ehrlich-Instituts datiert vom 3. Juli 2023, bekannt gemacht wurde sie im Bundesanzeiger am 26. Oktober 2023.

Wir haben das Dokument nach Semaglutid, Liraglutid, Tirzepatid, Ozempic, Wegovy und Mounjaro durchsucht. Keiner dieser Namen kommt vor. Stattdessen steht dort eine allgemeine Regel:

nach Medikamenteneinnahme in Abhängigkeit von der Pharmakokinetik und der Indikation des angewendeten Medikaments

Richtlinie Hämotherapie, Gesamtnovelle 2023, Abschnitt 2.2.4.3.2.4 — Rückstellungsgründe

Pharmakokinetik heißt hier: wie lange der Wirkstoff überhaupt im Körper bleibt. Bei den langwirksamen GLP-1-Präparaten ist das eine Frage von Wochen, nicht von Stunden — nachzulesen im Beitrag wie lange GLP-1-Wirkstoffe im Körper bleiben.

Und daneben der Satz, der in der Praxis alles entscheidet: „Die Spendetauglichkeit ist durch einen Arzt festzustellen.“ Es gibt in Deutschland also keine Liste, auf der Ihr Präparat steht oder nicht steht. Es gibt eine Einzelfallentscheidung.

Österreich baut es anders auf. Die Blutspenderverordnung führt unter den dauerhaften Ausschlussgründen die „ständige Einnahme von Medikamenten“ auf — und verweist dabei ausdrücklich auf ein Instrument, das Deutschland nicht hat:

ständige Einnahme von Medikamenten, die nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft unter Berücksichtigung einer österreichweit einheitlichen Medikamentenliste oder nach Einzelentscheidung des Arztes einer Spende entgegensteht

Blutspenderverordnung, § 5 Abs. 1 Z 3 lit. p
Die österreichische Liste ist älter, als man denkt

Die Medikamentenübersicht des Österreichischen Roten Kreuzes gibt es tatsächlich, öffentlich zugänglich, mit einer Kategorie „DIABETES / ADIPOSITAS“. Die uns vorliegende Fassung trägt die Dokumentnummer 000-346-900, Revision 26, freigegeben am 17. Januar 2024. Unter den Inkretinmimetika ist dort Liraglutid (Saxenda) namentlich geführt. Semaglutid steht in der Diabetes-Zeile. Tirzepatid haben wir in dieser Fassung nicht gefunden — die Liste ist älter als die Marktentwicklung. Wie die Spalten der Liste zu lesen sind, geben wir hier bewusst nicht wieder: Die Legende ließ sich nicht zweifelsfrei nachvollziehen, und eine falsch gedeutete Tabellenspalte wäre schlimmer als keine.

Der eine Dienst, der die Präparate beim Namen nennt

Ein deutscher Blutspendedienst hat sich festgelegt. Der DRK-Blutspendedienst West beschreibt in einem Beitrag vom 6. August 2026 ausdrücklich die Gruppe der GLP-1- und GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten und nennt sie beim Handelsnamen:

Wenn Sie GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten wie Ozempic, Wegovy, Trulicity, Mounjaro nehmen und Einmalnadeln verwenden, dürfen Sie Blut spenden.

DRK-Blutspendedienst West, Darf ich mit Diabetes Blut spenden?, 6. August 2026

Der Dienst knüpft das an zwei Bedingungen, die beide zeitlich gemeint sind: dass sich die spendende Person „nicht mehr in der Einstellungsphase der Therapie“ befindet — „in der Regel die ersten 8 bis 12 Wochen“ — und dass „die Phase einer ausgeprägten akuten Gewichtsabnahme bereits abgeschlossen ist“.

Das gilt nicht automatisch überall

Diese Formulierung stammt von einem einzelnen regionalen Blutspendedienst. Sie ist keine bundesweite Regel und keine Richtlinienvorgabe. Andere Dienste können es anders handhaben — und die Richtlinie Hämotherapie überlässt ihnen genau diesen Spielraum. Was dieser Text aber zeigt: Wo ein Dienst die Frage überhaupt beantwortet, lautet die Antwort nicht „nein“, sondern „nicht jetzt gerade“.

Worum es geht: um Sie, nicht um die Konserve

Risikofaktoren für eine Kreislaufreaktion bei der Blutspendeniedriges Körpergewichtvon der Behandlung berührtnüchtern zur Spende gekommenvon der Behandlung berührtzu wenig getrunkenvon der Behandlung berührtjunges AlterErstspendewenig oder schlecht geschlafenStressDrei der sieben genannten Faktoren betreffen genau das,was eine GLP-1-Behandlung verändert.
Die Risikofaktoren für eine Kreislaufreaktion bei der Blutspende nach Angaben der Uniklinik RWTH Aachen.

Warum eine Gewichtsbehandlung überhaupt eine Rolle spielt, wird deutlich, wenn man sich ansieht, was bei einer Blutspende schiefgehen kann. Das Institut für Transfusionsmedizin der Uniklinik RWTH Aachen beziffert die häufigste Komplikation:

Im Rahmen der Blutspende kommt es statistisch bei circa 7 Prozent aller Blutspenden zu vasovagalen Reaktionen.

Uniklinik RWTH Aachen, Welche Risiken bestehen für Sie beim Blutspenden?

Und benennt die Risikofaktoren: „Ein höheres Risiko Kreislaufprobleme zu entwickeln, haben Personen mit einem niedrigen Körpergewicht, junge Menschen und Erstspender. Auch wenn man schlecht oder wenig geschlafen hat, Stress hat, noch nüchtern ist und/oder zu wenig getrunken hat, ist das Risiko erhöht.“

Drei dieser Faktoren beschreiben ziemlich genau, was unter einer GLP-1-Behandlung passiert: Das Körpergewicht sinkt, das Hungergefühl auch — und wer wenig isst, trinkt oft ebenfalls weniger. Das ist der sachliche Grund hinter der Bedingung „Phase der akuten Gewichtsabnahme abgeschlossen“. Es geht nicht um den Wirkstoff in der Konserve. Es geht um Ihren Kreislauf auf der Liege.

Gewicht und Hämoglobin: die beiden harten Zahlen

Hier sind beide Länder erstaunlich deckungsgleich — und hier liegt der Punkt, an dem eine Gewichtsabnahme eine Spende tatsächlich verhindern kann, ganz ohne Medikamentenregel.

DeutschlandÖsterreich
Mindestkörpergewicht50 kg50 kg
Hämoglobin, Frauen≥ 125 g/l≥ 125 g/l
Hämoglobin, Männer≥ 135 g/l≥ 135 g/l
Hämoglobin, Plasmaspende—≥ 120 g/l
DiabetesAusschluss, sofern mit Insulin behandeltInsulintherapie: keine Spende möglich
Deutschland: Richtlinie Hämotherapie 2023. Österreich: Blutspenderverordnung § 4 Abs. 2 und 3, Angaben des Österreichischen Roten Kreuzes.
Die 50 Kilogramm sind keine Formalie

Wer zu Beginn einer Behandlung deutlich über der Grenze liegt, kann sie im Verlauf unterschreiten — besonders bei kleiner Körpergröße. Und der Hämoglobinwert wird bei jeder Spende gemessen: Sinkt er unter die Schwelle, wird die Spende abgelehnt, unabhängig davon, warum. Das ist keine Sanktion, sondern der Schutzmechanismus, für den die Werte da sind.

Diabetes: das Insulin entscheidet, nicht die Diagnose

Ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält: Eine Diabetesdiagnose schließt von der Blutspende aus. Das stimmt so nicht. Beide Regelwerke stellen auf die Behandlung ab. Die Richtlinie Hämotherapie führt unter den Ausschlusskriterien eine Person „mit Diabetes mellitus, sofern mit Insulin behandelt“. Das Österreichische Rote Kreuz formuliert es als Aufzählung: „Insulintherapie: keine Spende möglich“ — „Orale Medikamenteneinnahme, wenn keine Diabetes Folgeerkrankungen vorliegen: Spende möglich“ — „Ausschließlich Diät: Spende möglich“.

Für Menschen, die eine Abnehmspritze ohne Diabetes anwenden, ist dieser Punkt schlicht nicht einschlägig. Für Menschen mit Typ-2-Diabetes ohne Insulin ebenfalls nicht. Der Unterschied ist relevant, weil dieselben Wirkstoffe in beiden Situationen vorkommen.

Nicht nüchtern zur Spende

Der praktischste Hinweis in diesem ganzen Text stammt aus einem Beitrag desselben Blutspendedienstes vom 6. Oktober 2018, überschrieben mit „Niemals nüchtern zur Blutspende“:

Damit der Kreislauf stabil bleibt, legen wir großen Wert darauf, dass jemand, der Blut spendet, nicht mit leerem Magen kommt.

DRK-Blutspendedienst West, Nicht nüchtern Blut spenden, 6. Oktober 2018

Dazu die Empfehlung, vorher ausreichend zu trinken — „Wasser, Säfte, Tee, aber keinen Alkohol“. Unter einer Behandlung, die das Sättigungsgefühl verstärkt, ist genau das die Stelle, an der es klemmt: Eine Mahlzeit vor dem Termin fühlt sich unnötig an, und gerade deshalb ist sie es nicht.

Plasmaspende: hier fehlt noch mehr

Zur Plasmaspende haben wir gesondert gesucht — bei den Unternehmen, die in Deutschland Plasma gewinnen, und bei der zuständigen Fachgesellschaft. Ergebnis: keine Aussage zu GLP-1-Wirkstoffen. Die allgemeinen Kriterien gelten natürlich auch hier; in Österreich liegt die Hämoglobinschwelle für die Plasmaspende mit 120 g/l sogar etwas niedriger als für die Vollblutspende.

Was wir daraus nicht machen

Aus einer Lücke lässt sich keine Erlaubnis und kein Verbot ableiten. Wer regelmäßig Plasma spendet und eine Gewichtsbehandlung beginnt, bekommt die belastbarste Auskunft dort, wo auch die Spendetauglichkeit festgestellt wird: beim Arzt des Spendezentrums. Dass die Frage dort gestellt werden muss, ist kein Versäumnis des Spenders, sondern die Konstruktion des Systems.

Häufige Fragen

Darf ich mit der Abnehmspritze Blut spenden?

Ein generelles Verbot gibt es nicht. Die deutsche Richtlinie nennt keinen dieser Wirkstoffe; die Entscheidung trifft der Arzt im Spendezentrum. Ein großer Blutspendedienst hält die Spende für möglich, wenn die Einstellungsphase und die Phase ausgeprägter Gewichtsabnahme vorbei sind.

Ist mein Blut für Empfänger gefährlich?

Dazu haben wir keine Stellungnahme einer zuständigen Behörde oder Fachgesellschaft gefunden — weder in Deutschland noch in Österreich. Die vorhandenen Regeln begründen Zurückhaltung durchgehend mit dem Schutz der spendenden Person.

Muss ich das Präparat beim Spendetermin angeben?

Ja. Nach den Medikamenten wird im Fragebogen und im Arztgespräch gefragt, und die Spendetauglichkeit wird auf dieser Grundlage festgestellt. In Österreich verweist die Verordnung dafür ausdrücklich auf eine bundesweit einheitliche Medikamentenliste.

Wie lange muss ich nach dem Beginn der Behandlung warten?

Eine allgemeingültige Frist steht in keinem der geprüften Regelwerke. Der DRK-Blutspendedienst West nennt für die Einstellungsphase „in der Regel die ersten 8 bis 12 Wochen“ — das ist die Angabe eines einzelnen Dienstes, keine bundesweite Vorgabe.

Schließt Diabetes die Blutspende aus?

Nur bei Insulinbehandlung. Ein mit Tabletten behandelter Typ-2-Diabetes ohne Folgeerkrankungen schließt nach österreichischer Darstellung nicht aus; die deutsche Richtlinie stellt ebenfalls auf die Insulinbehandlung ab.

Was ist mit dem Mindestgewicht?

50 Kilogramm, in Deutschland wie in Österreich. Wer im Verlauf einer Behandlung darunter rutscht, kann nicht spenden — unabhängig vom Medikament.

Quellen

  1. Bundesärztekammer im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut: Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Richtlinie Hämotherapie), Gesamtnovelle 2023 (PDF)
  2. Paul-Ehrlich-Institut: Bekanntmachung der Richtlinie Hämotherapie, Gesamtnovelle 2023, BAnz AT 26.10.2023 B5
  3. DRK-Blutspendedienst West: Darf ich mit Diabetes Blut spenden?, 6. August 2026
  4. DRK-Blutspendedienst West: Nicht nüchtern Blut spenden, 6. Oktober 2018
  5. Blutspenderverordnung (BSV), geltende Fassung im Rechtsinformationssystem des Bundes, §§ 4 und 5
  6. Österreichisches Rotes Kreuz: Häufige Fragen zur Blutspende
  7. Österreichisches Rotes Kreuz: Medikamentenübersicht, Dokument 000-346-900, Revision 26, freigegeben am 17. Januar 2024 (PDF)
  8. Uniklinik RWTH Aachen, Institut für Transfusionsmedizin: Welche Risiken bestehen für Sie beim Blutspenden?

Dieser Beitrag gibt wieder, was in den genannten Dokumenten steht. Er ersetzt weder das Arztgespräch im Spendezentrum noch die Beratung durch die behandelnde Praxis und enthält keine Dosierungsangaben. Über die Spendetauglichkeit entscheidet in beiden Ländern ein Arzt im Einzelfall. Gewichtsfrage verkauft keine Arzneimittel und vermittelt keine Rezepte.