Tirzepatid hat im bislang einzigen direkten Vergleich mit Semaglutid deutlich besser abgeschnitten: 20,2 gegenüber 13,7 Prozent Gewichtsverlust nach 72 Wochen. Wer die Fachdiskussion verfolgt, stößt trotzdem auf auffallend zurückhaltende Bewertungen. Der Grund liegt nicht im Ergebnis, sondern darin, wie es zustande kam. Die Kritik an Tirzepatid betrifft die Beweisführung, nicht die gemessene Wirkung.
Worum es bei der Kritik an Tirzepatid geht — und worum nicht
Das ist eine Unterscheidung, die in der populären Berichterstattung regelmäßig verlorengeht. Niemand bestreitet, dass unter Tirzepatid mehr Gewicht verloren geht als unter Semaglutid. Bestritten wird, ob die vorliegenden Studien tragen, was aus ihnen abgeleitet wird.
SURMOUNT-5: offen, nicht verblindet
Die Vergleichsstudie randomisierte 751 Erwachsene auf Tirzepatid oder Semaglutid und beobachtete sie 72 Wochen lang. Sie war als offene Studie angelegt: Teilnehmende und Studienpersonal wussten, welches Präparat gegeben wurde. Finanziert wurde sie vom Hersteller des besser abschneidenden Präparats.
Beides ist nicht ungewöhnlich und macht eine Studie nicht wertlos — die beiden Präparate unterscheiden sich in Injektionsgerät und Anwendungsrhythmus, eine Verblindung wäre aufwendig gewesen. Aber bei einem Endpunkt wie Gewicht, der von Verhalten mitbestimmt wird, ist die fehlende Verblindung eine Schwäche, die in die Bewertung gehört.
Ein offener, herstellerfinanzierter Vergleich ist die schwächste Form eines Wirksamkeitsnachweises, die noch als randomisierte Studie gilt. Er liefert eine belastbare Richtung, aber keine belastbare Effektgröße. Zum Vergleich der beiden Wirkstoffe siehe Semaglutid oder Tirzepatid.
Die Endpunktstudie ohne Placebo
SURPASS-CVOT wurde im Dezember 2025 veröffentlicht: 13.299 Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes, Tirzepatid gegen Dulaglutid. Das Ergebnis — Hazard Ratio 0,92 — belegt Nichtunterlegenheit: Tirzepatid ist nicht schlechter als Dulaglutid. Die Überlegenheit wurde mit P = 0,09 verfehlt.
Der methodische Punkt: Ohne Placeboarm lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten, ob Tirzepatid kardiovaskuläre Ereignisse gegenüber einer Nichtbehandlung verhindert. Sie zeigt nur, dass es einem anderen Wirkstoff derselben Klasse ebenbürtig ist.
Bei Semaglutid liegt der Fall anders. Die SELECT-Studie verglich 17.604 Menschen mit Übergewicht und Herz-Kreislauf-Vorerkrankung, aber ohne Diabetes, gegen Placebo — und zeigte eine Risikoreduktion um 20 Prozent. Das ist die stärkere Form des Nachweises.
Was die deutsche Arzneimittelkommission 2024 schrieb
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft veröffentlichte am 6. Februar 2024 zur Markteinführung von Mounjaro eine Einschätzung. Der zentrale Satz lautete:
Anhand der aktuell vorliegenden Studiendaten ist ein Nutzen von Tirzepatid hinsichtlich der kardiovaskulären Prävention nicht belegt.
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, „Neue Arzneimittel“, 6. Februar 2024
Zur Wirksamkeit hielt dieselbe Veröffentlichung fest, dass Tirzepatid den HbA1c-Wert in den Zulassungsstudien um durchschnittlich zwei Prozentpunkte senkte und das Gewicht je nach Wirkstärke um 7 bis 13 Prozent.
Die Aussage von Februar 2024 ist durch SURPASS-CVOT teilweise überholt: Inzwischen liegen kardiovaskuläre Daten vor. Sie belegen Nichtunterlegenheit gegenüber Dulaglutid — einen präventiven Nutzen gegenüber Nichtbehandlung belegen sie nicht. Der Kern der Feststellung steht damit weiter.
Kinder und Jugendliche: kein belegter Zusatznutzen
Am 20. August 2026 berichtete das Deutsche Ärzteblatt über die Nutzenbewertung für die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-2-Diabetes. Ergebnis des Verfahrens: Es lägen keine Daten für die Bewertung des Zusatznutzens gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie bei Zehn- bis Siebzehnjährigen vor.
„Kein Zusatznutzen“ bedeutet in diesem System nicht „wirkt nicht“, sondern „nicht belegt“. Es ist eine Aussage über die eingereichten Unterlagen, nicht über die Substanz.
Die Zusammensetzung des verlorenen Gewichts
Der vierte Kritikpunkt betrifft nicht Tirzepatid allein, sondern die ganze Wirkstoffklasse: Ein Teil des verlorenen Gewichts ist keine Fettmasse. Eine Metaanalyse in den Annals of Internal Medicine hat 2026 einen deutlichen Verlust an fettfreier Masse unter GLP-1-Arzneimitteln beschrieben.
Ob dieser Anteil unter Tirzepatid anders ausfällt als unter anderen Wirkstoffen, ist nicht geklärt — dafür fehlt eine Studie, die denselben Gewichtsverlust auf zwei Wegen erzielt und dann die Körperzusammensetzung vergleicht. Ausführlich im Beitrag zum Muskelabbau.
Wie lange der Patentschutz solche Vergleiche noch prägt, steht in unserem Beitrag zu den Generika der Abnehmspritze.
Häufige Fragen
Heißt das, Tirzepatid ist schlechter als Semaglutid?
Nein. Es heißt, dass für Semaglutid ein kardiovaskulärer Nutzen gegen Placebo belegt ist und für Tirzepatid bislang nicht. Beim Gewichtsverlust liegt Tirzepatid im direkten Vergleich vorn.
Ist eine offene Studie wertlos?
Nein, aber sie ist anfälliger für Verzerrungen. Bei Endpunkten, die von Erwartung und Verhalten beeinflusst werden, fällt das stärker ins Gewicht als bei harten Ereignissen wie Herzinfarkt oder Tod.
Warum wird das nicht einfach nachgeprüft?
Eine placebokontrollierte Endpunktstudie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes wäre heute schwer zu rechtfertigen, weil wirksame Behandlungen verfügbar sind. Das ist ein bekanntes Dilemma der Arzneimittelforschung — und ein Grund, warum manche Fragen offenbleiben.
Wo finde ich unabhängige Bewertungen?
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft veröffentlicht ihre Einschätzungen frei zugänglich. Fachzeitschriften wie das arznei-telegramm bewerten ebenfalls unabhängig, sind aber kostenpflichtig.
Quellen
- Aronne LJ et al.: Tirzepatide as Compared with Semaglutide for the Treatment of Obesity. N Engl J Med 2025;393:26–36 (SURMOUNT-5)
- Nicholls SJ et al.: Cardiovascular Outcomes with Tirzepatide versus Dulaglutide in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2025;393:2409–2420 (SURPASS-CVOT)
- Lincoff AM et al.: Semaglutide and Cardiovascular Outcomes in Obesity without Diabetes. N Engl J Med 2023;389:2221–2232 (SELECT)
- Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Tirzepatid (Mounjaro) — Markteinführung, 6. Februar 2024
- Deutsches Ärzteblatt: Diabetes — Kein Zusatznutzen für Tirzepatid bei Behandlung von Kindern und Jugendlichen, 20. August 2026
- Deutsches Ärzteblatt: Deutlicher Muskelabbau unter GLP-1-Agonisten — Metaanalyse in den Annals of Internal Medicine, 19. Mai 2026
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Mounjaro (Tirzepatid), europäischer öffentlicher Beurteilungsbericht
Dieser Beitrag bewertet die Studienlage, nicht die Eignung eines Arzneimittels im Einzelfall. Er enthält keine Dosierungsangaben und keine Empfehlung für oder gegen ein Präparat. Gewichtsfrage verkauft keine Arzneimittel und vermittelt keine Rezepte.